Schweizer Plastik Ausstellung im Freien

Marcel Joray

ASPEKTE DER ZEITGENÖSSISCHEN SKULPTUR

Es ging um eine Plattform und damit verbunden um eine Möglichkeit für die Schweizer Skulpturenschaffenden, ihre Werke unter freiem Himmel, das heisst in der Umgebung, für die die Plastiken geschaffen worden waren, zu präsentieren. Indem wir diese Initiative im Namen vom ‚Institut jurassien des Sciences, des Lettres et des Arts‘ ergriffen, wollten wir die verschiedenartigsten Tendenzen einander gegenüberstellen und eine Standortbestimmung der Skulptur in unserem Land präsentieren. Nicht zuletzt hofften wir, das Publikum für die Skulptur – soziale Kunst par excellence oder die sie sein sollte – zu begeistern, da sie öffentlich sichtbar auf Fassaden und öffentlichen Plätzen in Erscheinung tritt.
Diese erste Schweizer Plastikausstellung entpuppte sich als eine Notwendigkeit wie die unerwartete Zahl von Einsendungen belegte. Die Jury wählte rund 250 Skulpturen aus einem Total von über 1000 aus. Sie achtete auf eine Mischung von alt und neu, indem sie neben Werken von bereits etablierten Künstlern auch waghalsige Arbeiten einer jüngeren Generation auswählte.
Es scheint, dass einzelne Länder einen besseren Nährboden für die künstlerische Schöpfung hergeben. Wenn wir die auftauchenden neuen Formen betrachten, die die Rasenflächen beleben, stellen wir erfreut fest, dass die Schweiz ein günstiges Klima für die Entfaltung der Künste darstellt.
Hier ist die Kunst überall lebendig. Es gibt alte Werke, doch ist die Gegenwart stärker als die Vergangenheit. Wie wird der Besucher reagieren? Wird der bekannte Graben zwischen Künstler und Publikum erneut aufbrechen, oder wird der Künstler endlich verstanden werden?
Der Betrachter beurteilt die Werke anhand ihrer emotionalen Kraft; er beurteilt sie nach ihren einzigen Werten, ob alt oder neu, und er fragt sich, warum der Künstler um jeden Preis neue Ausdrucksformen anstrebt, wenn doch noch gar nicht bewiesen ist, dass die alten Ausdrucksformen erschöpft sind.
Die Haltung des Künstlers ist eine ganz andere. Über seine Ausbildungszeit hinaus, sollte er sich nicht mit den alten Vorbildern zufriedengeben: er wäre nur ein Nachahmer oder ein geschickter Handwerker, während er eigentlich ein Erneuerer sein will. Er muss sich von der Vergangenheit und selbst von der unmittelbaren Gegenwart lösen, um sich in der ihm eigenen, das heisst also neuen Art auszudrücken. Dadurch und nur dadurch, wird er in den Rang eines Schöpfers aufsteigen.
Er verpönt seine Vorgänger in keiner Weise, doch, indem er die Sprache der Plastik erneuert, verspürt er eine zwingende Verpflichtung, Abstand zu nehmen. Es liegt etwas Tragisches im Schicksal, dass die neuen Ausdrucksformen nur langsam vom Betrachter verarbeitet und angenommen werden: er wird deshalb auch im Unverständnis und unter materiellen Schwierigkeiten leben müssen.
Anfang des Jahrhunderts war Rodin der unangefochtene Meister der Mehrheit unserer Bildhauer, dessen Genius die traditionelle Linie zu einem Höhepunkt geführt hat. Selbst heutzutage sind zahlreiche Künstler Meister einer glorreichen Vergangenheit. Kommt das einer Erniedrigung gleich? Weder Phidias noch Michelangelo haben mit den Traditionen gebrochen. Beide arbeiteten in der Disziplin einer sich entwickelnden Kunst, die sie zur Krönung brachten, indem sie den sicheren etablierten Pfaden vor ihnen folgten und dabei eine Synthese von allem vorher Erbrachten schufen. Der traditionelle Weg ist allerdings gefährlicher als er scheint. Diejenigen, die ihn praktizieren, werden unser Interesse wecken und zwar in jenem Masse, wie sie die Anleihen an die Vergangenheit verklären, oder über ihre Meister hinauswachsen. Es ist nicht verwunderlich, dass die Jury viele traditionelle, akademische, gut gemachte, aber auch sehr spannungsarme Werke zurückwiesen hat.
Dem entgegengesetzt sind die Manifestationen einer jungen Skulptur, die eines Tages das Bedürfnis verspürte, radikal mit den Konventionen zu brechen und die sich absolut frei von jeglichen traditionellen Zwängen bewegt. Man braucht mit ihr nicht einverstanden zu sein. Man braucht all ihre Versuche nicht zu bewundern. Aber man kann sie nicht länger ignorieren. Die abstrakte Malerei hat den Raumbegriff ausgemerzt. Sie verwendet nur die Zweidimensionalität der Leinwand und will nicht mehr, wie die figurative Kunst, die dritte Dimension suggerieren. Die Skulptur jeglicher Kunstrichtung wiederum bewahrt dieses wesentliche Charakteristikum, sich nur im dreidimensionalen Raum ausdrücken zu können. Jegliche Bildhauerkunst besteht darin, von diesem Raum Besitz zu ergreifen, ob die Skulptur aus ausgefüllten oder hohlen, lichtundurchlässigen oder transparenten Formen besteht. Die traditionellen Materialien (Stein, Bronze, Holz) stellten die Masse dar und der Raum die Umgebung der Skulptur. Jetzt durchdringt er sie auch, ganz wie das Licht, das sich nicht mehr darauf beschränkt, nur die Oberfläche zu streifen, sondern auch im Inneren zirkuliert. Die «Leere» spielt heute genauso eine Rolle wie die Masse. Eisenplatten und Metallröhren erlauben neue Raumeroberungen (egal, ob der Bildhauer schmiedet, ob er haut oder schnitzt) und selbst die Grenzen zwischen dem Greifbaren und der Atmosphäre verschwinden in den Eisendraht-Plastiken, denn die Eisendrähte suggerieren inexistente Masse, die sich einzig darauf beschränkt, den Raum zu begrenzen.
Die Begriffe «figurativ» und «abstrakt» sind weit weniger gegensätzlich als man denkt. Überhaupt fehlt diesen Begriffen die Eindeutigkeit. War die Kunst in ihrer Absicht nicht immer schon «abstrakt» und nur weil sie figurativ und naturalistisch geworden ist, hörte sie damit auf, Kunst zu sein? Was gibt es Abstrakteres als die Werke des alten Ägypten oder archaischen Griechenlands, als die assyrische Kunst oder die romanische Kunst, die sich absichtlich von der Natur entfernten?
Ganz im Gegenteil, nichts ist «konkreter» und weniger «abstrakt» als die junge Skulptur, die weder abbilden, noch darstellen will und die nicht mehr die Imitation der realen Welt ist, sondern die Umsetzung von Gedanken und Gefühlen. Da sie nicht von der Natur inspiriert ist, kann sie sich auch nicht von der Natur entfernen. Sie kann sich nicht von der Natur entfernen, da sie nicht von ihr inspiriert ist. Die junge Skulptur will das Inexistente erschliessen, das Unaussprechliche aussprechen, wieder bei Null anfangen, um die Erfahrung in ihrem ganzen Ausmass zu erfassen. Ohne es zu wollen, trifft sie dabei auf die primitive Kunst...
Es wäre besser, man würde zwischen einer «reinen Skulptur» und einer «figurativen Skulptur» unterscheiden. Den Begriff «konkret» würde man benutzen, so wie es bereits mehrere Male vorgeschlagen wurde, um eine Kunst ohne Verbindung zur Natur zu bezeichnen im Gegensatz zum Begriff «abstrakt», der jene Kunst benennt, die noch Bruchstücke der Natur verwendet.
Ob man will oder nicht, seit 25 Jahren neigt die reine Skulptur dazu, sich durchzusetzen. Haben sich die Nicht-Figurativen von der realistischen Kunst definitiv verabschiedet? Sicher nicht. Es hat Platz für alle Richtungen und die grosse Vielfalt, die sie charakterisiert, ist nicht minder eine Verlockung unserer Zeit intensiver künstlerischer Kreation.
Der Künstler muss keinem Kanon mehr gehorchen. Es gibt keine anderen Grenzen für seinen Wagemut und seine Freiheit, als sein Empfinden und die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Der Betrachter folgt ihm dabei mit Sympathie und Neugierde, denn er hat das Interesse an Monumenten oder Grabdenkmälern verloren und betrachtet diese Steinbildnisse kaum mehr. Das Publikum hat begriffen, dass der Künstler nicht mehr zwingend die Mission hat, zu verzieren und zu veredeln und dass das Hübsche nicht zwingend das Schöne ist. Er wird letztlich diese skulpturalen Figuren akzeptieren, die Ideen transportieren, die manchmal beruhigend und manchmal erschütternd sind.
Und dann wird auch die Zeit ein Wort mitreden. Der Künstler, der in der Aufrichtigkeit gearbeitet hat, hat Vertrauen, auch wenn er sich nicht den hervorragenden Ausspruch von Pierre Corneille auf die Fahne schreiben kann, der zur Marquise de Gorla sagte: «Von eurer Schönheit wird man sich nur erzählen, was ich verewige».
In der Kunst offenbart sich das Edle des Menschen. Allein durch sie überdauern wir die Jahrhunderte.
Marcel Joray
Wir danken den Stiftungen und Museen, die uns entgegengekommen sind, indem sie uns Werke zur Verfügung gestellt haben. Unser spezieller Dank geht an den Bundesrat, die Eidgenössische Kunstkommission, die Stiftung Pro Helvetia, den Kanton Bern und die Stadt Biel, die unser Vorhaben finanziert und dabei begriffen haben, dass grossartige künstlerische Schöpfungen unserem Land Prestige verleihen. Schliesslich geht unser Dank auch an die Bieler Industriellen und Händler, deren Grosszügigkeit die Aquisition eines Werkes erlaubt, das in Biel zur Erinnerung an die Ausstellung fortbestehen wird.

Übersetzung Französisch-Deutsch © Béatrice Schmidt




  • Pélican, Jacot-Guillarmod Robert, Expo 1954
    Pélican
  • Element 100, Luginbühl Bernhard, Expo 1954
    Element 100
  • Torso der Aphrodite, Hubacher Hermann, Expo 1954
    Torso der Aphrodite
  • Eber, Probst Jacob, Expo 1954
    Eber
  • Toro, Rossi Remo, Expo 1954
    Toro
  • Animus und Anima, D'Altri Arnold, Expo 1954
    Animus und Anima
  • Claire, Gisiger Hansjörg, Expo 1954
    Claire
  • Buste, Heim Regine, Expo 1954
    Buste
  • Torso, Roth Paul, Expo 1954
    Torso
  • Meine Mutter, Hess Hildi, Expo 1954
    Meine Mutter
  • Don Quichotte, Richier Germaine, Expo 1954
    Don Quichotte
  • Columbus, Suter Ernst, Expo 1954
    Columbus
  • Forme confiante, Ponçet Antoine, Expo 1954
    Forme confiante
  • Tänzer, Burckhardt Carl, Expo 1954
    Tänzer
  • Coq, Schopfer Loul, Expo 1954
    Coq
  • Arlecchino in movimento, Stanzani Emilio, Expo 1954
    Arlecchino in movimento
  • Rote Schwebeplastik, Bodmer Walter, Expo 1954
    Rote Schwebeplastik
  • Torse, Piguet Gustave, Expo 1954
    Torse
  • Piano rhythmique, Linck Walter, Expo 1954
    Piano rhythmique
  • Femme, Weber Max, Expo 1954
    Femme
  • Redner, Fischer Franz, Expo 1954
    Redner
  • Hahn, Hächler Peter, Expo 1954
    Hahn
  • Lamellenkörper mit Hohlform, Witschi Werner, Expo 1954
    Lamellenkörper mit Hohlform
  • Gelenkraum, Rehmann Erwin, Expo 1954
    Gelenkraum
  • Starter, Perincioli Marcel, Expo 1954
    Starter
  • Fasan, Weiss Max, Expo 1954
    Fasan
  • Rhythmus im Raum, Bill Max, Expo 1954
    Rhythmus im Raum
  • Dr. h.c. H. Walter, Schilling Albert, Expo 1954
    Dr. h.c. H. Walter
  • Libération, Perrin Léon, Expo 1954
    Libération
  • Le cri, Ramseyer André, Expo 1954
    Le cri
  • Torse 1947-50, Schwarz Heinz, Expo 1954
    Torse 1947-50
  • Durchbrochene Gestaltung, Fahrni Samuel, Expo 1954
    Durchbrochene Gestaltung
  • Stehende, Imfeld Hugo, Expo 1954
    Stehende
  • Portrait Hch. Gretler, Weisskopf Adolf, Expo 1954
    Portrait Hch. Gretler
  • Einhorn, Müller Erich, Expo 1954
    Einhorn
  • Figur I, Aeschbacher Hans, Expo 1954
    Figur I
  • Selbstbildnis, Keller Gottfried, Expo 1954
    Selbstbildnis