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SPA Geschichte / 1980 / Andreas Meier

Was haben Kinder mit einer Plastikausstellung zu tun? 

Bei dieser Frage erinnert man sich vielleicht an die letzte Plastikausstellung: Während drei Monaten war der «Grosse Boss» von Bernhard Luginbühl die grosse Attraktion der Kinder, ebenso der «Lozziwurm» von Ivan Pestalozzi, der heute im Stadtpark steht.


Der Bewunderer der traditionellen Sockelkunst betrachtet diese Spielskulpturen und begehbaren Plastiken mit einiger Skepsis; als Reaktion bestenfalls: «Man kann ja auch einmal etwas für Kinder tun.» Im Glücksfall genügen sie sogar den traditionellen ästhetischen Erwartungen der Erwachsenen. Unter dem Begriff der «Kontaktkunst» haben sie in der Kunstlandschaft einen anerkannten Platz.


Die Ausgangsfragestellung hört aber nicht hier auf, wenn man eine einfache Tatsache zur Kenntnis nimmt: Die Hälfte der Skulpturen, die beispielsweise die Stadt Biel in den letzten dreissig Jahren angekauft hat, befindet sich in Schulhäusern und in Schulanlagen. Die Plastikausstellung müsste demnach zu einem guten Teil eine Sache der Kinder und Jugendlichen sein, die hier die Gelegenheit ergreifen, um mit den Künstlern zu diskutieren, ihre Vorstellungen und Wünsche zu äussern, Aufträge aufzugeben und Neuankäufe zu tätigen. Aber lassen wir die Kinder nicht einfach die Erwachsenen kopieren.


In der figurativen Plastik der fünfziger Jahre war das Bemühen spürbar, einen Bezug zum Kind und zur Schule herzustellen und in der gleichen Absicht wurden solche Skulpturen von Kunstkommissionen und Architekten ausgewählt: «Werdegang des Lebens», «La ronde», «Der Zirkus», ein Mädchenkopf, ein Knabenbildnis,  Tiere aller Art: eine Ziege, ein Bärli, ein Truthahn, ein Hahn und ein Huhn. Ich möchte nicht behaupten diese Kunst sei besonders kindgerecht, und die Aufzählung ist auch kein Plädoyer für eine Renaissance der figurativen Plastik. Es scheint aber, als sei die abstrakte Kunst noch mehr eine reine Sache der Experten geworden, die nach dem Erwachsenengeschmack unter Erwachsenen, vielleicht mit pädagogischen Überlegungen, entschieden wird. Ein Dialog zwischen Kindern und Künstlern findet kaum statt. Selten einmal wird ein Wandbild in Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Schülern realisiert. Ich möchte die Künstler keineswegs auf Rutsch-, Plantsch- und Kletterkunst eingeschränkt wissen. Ich glaube sogar, dass solche Spielobjekte - um ihrer eigentlichen Funktion zu genügen - nicht auch notwendigerweise nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet  sein müssen. Ich meine aber, Künstler sollten die Kinder vermehrt als Partner betrachten und dabei ihre spezifische Wahrnehmung berücksichtigen.


In der «Gartenarchitektur» der fünfziger Jahre war die Skulptur noch weitgehend ein Accessoire ohne Bezug zur Architektur des Schulhauses. Mit der wachsenden Bodenknappheit und der zunehmenden Baudichte der folgenden Jahre, wurde die Skulptur zunehmend integriert und erhielt die Funktion, Baukörper zu gliedern und aufzulockern. Dies ist für das Kind bedeutend, denn seine Wahrnehmung ist weniger selektiv als die eines Erwachsenen. Es orientiert sich weniger nach Kriterien der Funktionen als nach spontanen Raumeindrücken. Das Kind, dem die Raumdimensionen noch wenig überschaubar sind, nimmt solche Fixpunkte wahr, z. B. die Säule mitten auf dem Pausenplatz, das Eisenrelief, welches eine Betonfassade gliedert, die runde Form und das warme Material einer Holzplastik, die im Innenraum mit dem kühlen, nüchternen Sichtbeton der Wände kontrastiert, die Chromstahlstele auf der Rasenfläche, welche etwas abseits dasteht und wie ein magischer Gegenstand den Betrachter und die grüne Wiese widerspiegelt. Ein Raum, der sich dem Erwachsenen vor allem durch Funktionsverhältnisse erschliesst, erhält mit der Kunst emotionale Bezugspunkte, die dem Kind die Orientierung erleichtern und ihm sogar ein Geborgenheitsgefühl geben können. Skulpturen sind kinderfreundlicher als zweidimensionale Museumskunst. Man kann sie umgehen, sich dahinter verstecken, sie betasten, oftmals sich darauf setzen, ohne dass sie gleich Schaden nehmen, und sie gehören allen. Mit sieben Jahren ist ein Kind auch durchaus fähig, Kunstobjekte bewusst wahrzunehmen, auf sie zu reagieren, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken, wenn es dazu von Erwachsenen angeregt wird.


Bei den oben beschriebenen Beispielen habe ich an das Schulhaus Sahligut in Biel gedacht, mit Skulpturen von Raffael Benazzi, Willi Weber, Franz Eggenschwiler, Michel Engel und André Ramseyer. Ich finde es ein gelungenes Beispiel für eine beziehungsreiche Auswahl von verschiedensten Formen und Materialien in der Architektur, die den Ort für den Schüler unverwechselbar und überschaubar machen. Was mir hier trotzdem fehlt, ist der fortgesetzte Dialog der noch vor dem Aufstellen der fertigen Werke beginnen sollte. Dies gilt übrigens auch für Schulhäuser, bei denen das Zusammenspiel von Architektur und Kunst noch weitergetrieben ist. Wer als Urheber hinter den schön geformten, seltsamen, geheimnisvollen, vielleicht auch unheimlichen Objekten steht, bleibt meistens unbekannt. Das Schulhaus ist gebaut, Architekt und Künstler haben ihre Arbeit getan, die Schüler ziehen ins Haus ein.


Vielleicht gibt es Gründe, den Künstler aus der pädagogischen Provinz fernzuhalten. Denn es gibt verschiedene negative Einschätzungen des Künstlers und seiner Rolle in unserer Gesellschaft. Die hartnäckigste ist jene des Privilegierten, dem man seine Freiheit missgönnt, mit der er seinen eigenen Einsichten, seinem Spiel und Gestaltungstrieb folgt. Diese Freiheit und der welcher sie verkörpert sind nicht ganz harmlos. Der Künstler ist gewissermassen Künder eines von gewissen Sachzwängen der Gesellschaft befreiten Menschen. Seine Kunst ist auf Innovation und Veränderung gerichtet, was nicht gleichzeitig bedeutet, dass Veränderungen wesentlich nur in und durch die Kunst stattfinden müssten.


Es gibt aber ermutigende Ansätze für eine Kunst, die aus dem Prozess zwischen Künstlern und Kindern entstanden ist, ohne dass der Künstler zum blossen Kletterturmkonstrukteur verurteilt worden ist. Ideal wäre es, wenn der Künstler, in ständigem Kontakt mit der Schule, seinen eigenen künstlerischen Zielsetzungen folgen könnte und wenn aus dem Umfeld dieses aktiven Kunstschaffens den Schülern vermehrt Impulse zur Entfaltung ihrer eigenen Kreativität vermittelt werden könnten. Ich glaube, dass so für die Zukunft ein Stück der Entfremdung zwischen Künstler und Publikum abgebaut werden könnte.


Andreas Meier