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SPA Geschichte / 1980 / Peter Killer

Grosse Geste ade!
Zur Kunst am Bau der späten siebziger Jahre

Kunst im öffentlichen Raum ist Kommissionskunst, ist Kompromisskunst. Im Gegensatz zur freien Arbeit ist die Kunst im öffentlichen Raum von vielen direkten Fremdeinflüssen mitbestimmt, die mit den eigentlichen Anliegen des Künstlers wenig oder nichts zu tun haben. Die Kunst im öffentlichen Raum - das ist für den Künstler ein Ausbalancieren von eigenem und fremdem Wünschen und Wollen.


Wen wundert's, wenn sich viele der besonders ernsthaften Künstler bei Kunst-am-Bau-Wettbewerben nicht mehr beteiligen, und selbst Direktaufträge dann ausschlagen, wenn sie finanziell auf solche Unterstützungen angewiesen wären. Denn Kunst im öffentlichen Raum, das hat meist wenig mit Form gewordenen Künstler-Intentionen zu tun, dafür viel mit politischer Diplomatie, mit modischen Repräsentationswünschen, mit Angst vor Kollisionen und Skandalen. Die Zeiten, in denen Kunstwerke, die für ihre Epoche repräsentativ waren, in den Strassen und auf Plätzen aufgestellt wurden, liegen weit zurück. Wer Zeitgeist und Kunst zusammenbringen will, der richtet sein Augenmerk auf die Ausstellungen in Galerien und Museen.


Und doch: nachdem die Bildende Kunst von den emanzipierenden Möglichkeiten der Massenmedien so gut wie nichts profitiert hat, nachdem sich die Kreise der Kunstinteressierten kaum geweitet haben, nachdem die künstlerischen Evolutionen nach wie vor hinter den Mauern von Ateliers, Museen und Galerien stattfinden, nachdem der Graben zwischen Kunst und Öffentlichkeit eher vertieft als überbrückt worden ist, bleibt die Kunst im öffentlichen Raum einer der letzten Reibungspunkte, wo eine Auseinandersetzung über die Zeitkunst die breite Öffentlichkeit miteinbezieht. Die Kunst im öffentlichen Raum - das bedeutet passive, aber nichts desto trotz sehr wirkungsvolle Kunstvermittlung über die Gewöhnung, über das Erzeugen von Selbstverständnis. Das aktuelle, im jedermann zugänglichen Bereich platzierte Kunstwerk vermittelt einer Gesellschaft, die vor allem auf Sicherheit und Bewahrung bedacht ist, immer wieder Impulse, die die Trampelpfade des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens zumindest kurzfristig unsicher machen.


Blickt man auf die Kunst der letzten fünf Jahre zurück, auf die Zeitspanne seit der letzten Bieler Plastik-Ausstellung, dann zeigt es sich, dass zu den genannten Problemen neue dazukommen. Die jetzige Zeitphase, die um 1973 eingeleitet wird, sich aber in der ohnehin retardierenden Kunst im öffentlichen Raum erst später auswirkt, kann als eine Schwellenepoche, als eine Epoche mit fehlendem oder sich veränderndem Basiskonsens bezeichnet werden. Das Einbrechen der Fundamente in den verschiedensten Lebensbereichen schlägt sich nicht zuletzt auch in der Kunst nieder. Die Kunst bietet keine Lösungen auf die komplexen Probleme in der modernen Zivilisationsgesellschaft an. Was sie aber vermag: die Situation zu spiegeln oder zu verdeutlichen. Es fällt denn auf, dass in der Kunst der letzten Jahre die grosse Geste, die auf unirritierbarer Sicherheit beruhende Aussage seltener und seltener wird. Doch gerade diese grosse Geste, die Entsprechung zum alten Denkmalsentwurf, ist ja der Traum jeder Kommission, die einen Kunst-am-Bau-Auftrag zu vergeben oder zu betreuen hat.


Wenn der Rückblick auf die vergangenen fünf Jahre im Bereich der Kunst im öffentlichen Raum keine hervorragenden Arbeiten wie etwa die Gestaltung des Seminars Biel, die 1975 im Abschluss begriffen war, mehr zeigt, dann hängt dies ebenfalls mit den materiellen und geistigen Auswirkungen der «Schwellenepoche» zusammen. Die Stagnation der Bautätigkeit, die Angst vor grossen Unternehmungen,  die nach dem Rezessionseinbruch des Jahrs 1973 lange nachwirkte, hat sich im Kunst-am-Bau-Bereich enorm stark ausgewirkt. Es sind aber nicht nur die Budgets drastisch verringert worden. Die Probleme, die sich beim gescheiterten ETH-Kunst-am-Bau-Wettbewerb zeigten, oder die aus der allzu restriktiven Ausschreibung der Platzgestaltungen für die EPUL bei Lausanne resultierten, oder der nicht sehr erfreuliche Ausgang des öffentlichen Wettbewerbs für die neue Kantonsschule Glarus: da wurde nicht nur deutlich, dass der Künstler in seinem Suchen nach Inhalten und gültiger Formulierung schwer zum Erfolg kommt, da wurde auch deutlich, dass die Kommissionen selbst ein gebrochenes Verhältnis zu ihren Aufgaben hatten.


Weg von der grossen Geste, weg von der leeren Bildformulierung, hin zu einer Antwort nach dem Wozu und Wieso von Kunst. Es fällt auf, dass nicht wenige neue Realisierungen der Kunst im öffentlichen Raum das Publikum auf eine sehr ernsthafte, nicht anbiedernde Weise ernst nehmen. Meret Oppenheim formulierte im Katalog der 6. Berner Kunstausstellung (18. Januar- 17. Februar 1980), was viele Künstler ebenfalls beschäftigt und oft bereits zu Resultaten in ähnlichem Geist geführt hat. «Mein Vorschlag ist, dass man einen Weg einschlägt, der nicht ein neuer ist, sondern ein ganz alter: Man soll den Leuten das hinstellen, was ihnen Freude macht. Ob es sich um neue Stadtviertel handelt oder um alte, etwas «muffelige»: alle würden Freude haben an Parks und Gärten, die nicht auf dem Reissbrett entworfen oder in konventioneller Manier angelegt wurden, alle würden sich an grossen oder kleinen Anlagen freuen, mit oder ohne Bepflanzung, mit zum Beispiel  einer durch Wind oder Wasser bewegten plastischen Form, die vielleicht noch mit «Musik»-Tonabläufen verbunden ist, die etwas in unseren Alltag zurückbringen, nach dem manche sich heimlich sehnen.»


Nicht die Idee der Park- oder Gartengestaltung scheint mir in dieser Textskizze zentrale Bedeutung zu haben, sondern das Anliegen des Gestaltens für den Menschen.


Aus dieser Haltung heraus ist Albert Siegenthaler hinter dem neuen Kantonsspital Baden eine Kombination von Skulpturen und Landschaftsgestaltung gelungen, die dem Kunstkenner ebenso gefällt wie den Benutzern, den Spitalpatienten und den Besuchern. Diese Arbeit ist meiner Ansicht nach eine der bedeutendsten Kunst-am-Bau-Lösung der letzten fünf Jahre. Weniger spektakulär, dafür intensiver, dichter ist die Platzgestaltung, die Otto Müller für den umgenutzten alten Botanischen Garten Zürich verwirklicht hat, ein Platz, der eine Botschaft unserer Zeit vermittelt, ohne im geringsten anzuecken. Konfliktintensiver zeigen sich Projekte, die in der Grundhaltung Verwandtes zeigen,  und von Lenz Klotz für das Basler Kantonsspital, bzw. von Max Matter und Ernst Häusermann für die aargauische Sprachheilschule Rombach ausgearbeitet worden sind. Gestalten für den Menschen, Gestalten mit dem Menschen: der aktive Einbezug des Gegenübers ist Peter Travaglini bei der Bau- und Wirtefachschule in Unterentfelden und dem Team Peter Hächler/ Charly Moser beim Berufsschulzentrum Weinfelden besonders gut gelungen,


Peter Killer