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SPA Geschichte / 2009 /

UTOPICS Kunst im urbanen Raum
Schweizerische Plastikausstellung Nr. 11 SPA Biel – Bienne
30.8.- 25.10.2009

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Einführung Kurzführer

Simon Lamunière


Wir freuen uns sehr, Sie auf eine Entdeckungsreise durch Utopics, die 11. Schweizerische Plastikausstellung, einzuladen. Diese Ausstellung zeitgenössischer Kunst im urbanen Raum umfasst rund 50 Projekte, die über die Stadt Biel verstreut sind.

Der Titel der Ausstellung ist Programm: Utopics ist aus einer freien Verschmelzung der Begriffe you, utopia, topic, topos und pics hervorgegangen. Seine Bedeutung entspricht also nicht genau dem, was man gemeinhin unter Utopie versteht; diese Erweiterung erlaubt uns, einerseits neue Formen von Utopien und ihren Platz in unserer Gesellschaft zu betrachten und andrerseits den Begriff auf den spezifischen Umgang von Künstler/innen und anderen Gemeinschaften mit Territorien auszudehnen. Zu diesem Zweck haben wir exemplarische Projekte ausgewählt, um ihre Strategien, Ideale und Forderungen zu untersuchen. Ob sie realer oder virtueller Art sind, sie fordern in jedem Fall mit ästhetischen Mitteln Räume autonomen Denkens ein.

Bei der Umsetzung des Projektes interessierte uns besonders die Art und Weise, wie Künstler, Mikronationen oder Utopisten intervenieren, um ihre Denkweisen einzubringen, und an welchen Orten sie dies tun. Welches sind ihre Ideen und Absichten? Wie gehen sie vor, wenn sie ein Territorium beanspruchen, einen Raum besetzen, eine besondere Lebensweise praktizieren oder ihre Ideen verbreiten wollen? Utopics ermöglicht die Beobachtung der Systeme und Marksteine realer oder fiktiver Entitäten einschliesslich deren Merkmale und Anliegen.

Im Allgemeinen gelten Utopien als zweischneidig, weil sie auf einer Fiktion oder Virtualität beruhen. Das geht auf den Ursprung des Begriffs zurück. «Utopia» ist selbst schon ein Neologismus des englischen Humanisten Thomas Morus, eine Kombination aus den griechischen Wörtern ou und topos (outopia: Nicht-Ort), wobei in der Ausgabe von 1518 eu an die Stelle von ou tritt (utopia: glücklicher Ort). Auch wenn nur noch die erste Form gebräuchlich ist, schwingen dennoch beide Bedeutungen mit. Tatsächlich ist das Werk von Morus sowohl Beschreibung eines fiktiven Ortes (der Insel Utopia) als auch Entwurf einer idealen Gesellschaft (utopia). Das ist wohl auch der Grund dafür, dass die Utopie im Allgemeinen als etwas Absolutes, Irreales gedacht wird und von vornherein abwertend als Modell einer fiktiven Gesellschaft ohne reale Zukunftschance verstanden wird. Sobald sie Wirklichkeit würde, ginge ihr virtuelles Potenzial zugunsten der aktuellen Umsetzung verloren.

Was also tun mit den Erfahrungen von Gemeinschaften oder Individuen, die alternative Lebensweisen konkret umzusetzen versuchen? In der Überzeugung und mit dem Wunsch, einen glücklichen Ort zu schaffen, haben sie sich auf dynamische Prozesse eingelassen. Ganz anders als Revolutionen oder politische Veränderungen von nationaler Tragweite, die neue Gesetze formulieren und erlassen, sind diese atypischen Lebensentwürfe das Produkt einzelner Individuen oder kleiner Gruppen. Diese entstehen durch den Zusammenschluss von Verfechtern einer bestimmten Idee, egal wie extrem diese auch sein mag. Es handelt sich um eigentliche Versuchslaboratorien, die sich durch Lernprozesse, eigene Handelssysteme und gemeinschaftliche Entscheidungen auszeichnen.

Die Vegetarierkolonie Monte Verità in der Nähe von Ascona ist ein gutes Beispiel für diese Art von Gemeinschaft, die auf der Lebensreform und einer Kombination aus anarchistischen, kulturellen und erzieherischen Werten beruht. Ihre Mitglieder waren unter anderem Vegetarier, Nudisten und Anhänger des körperlichen Ausdrucks. Ehe und klassische Kleiderordnung lehnten sie ab. Die Kolonie funktionierte über zwanzig Jahre lang und so bedeutende Persönlichkeiten wie Hugo Ball, Isadora Duncan, Paul Klee, Carl Gustav Jung, Hermann Hesse, Walter Segal, Rudolf Steiner oder Henry van de Velde verweilten dort längere Zeit und «verwirklichten ihre Utopie der Lebensreform» ( wie in aktuellen offiziellen Texten über den Ort nachzulesen ist ).

Man braucht nur an die Kolonie auf dem Monte Verità und ihren Einfluss in Künstler- oder Naturistenkreisen zu denken, um zu erkennen, dass Erfahrungen dieser Art den Geist ebenso nachhaltig prägen wie gewisse rein theoretische oder fiktionale Modelle. Sie entfalten sogar eine besonders faszinierende Wirkung aufgrund der Tatsache, dass so radikale Ideen nicht nur entwickelt, sondern auch real umgesetzt wurden.

Andere Projekte entstanden dagegen gerade aus dem Spiel mit dieser Ambivalenz zwischen Realität und Fiktion. Das trifft für die Mehrheit der Mikronationen zu, aber auch für gewisse Künstlerprojekte. Ihre Aktivität entfaltet sich im Raum mittels Zeichen oder handfesten Aktionen, die jedoch immer auch einen konzeptuellen oder phantasievollen Aspekt haben. Denkt man beispielsweise an die Pressekonferenz, die John Lennon und Yoko Ono veranstalteten, um die Geburt des konzeptuellen Landes Nutopia bekanntzugeben, wird sofort klar, dass die durch derartige Projekte aufgeworfenen Fragen die Grenzzonen des Imaginären ausloten.

Aus vielerlei Gründen, als Spiel, aus Notwendigkeit oder weil das Umfeld intolerant ist, schaffen sich Autor/ innen und Künstler/innen ihre eigenen Möglichkeiten und Chancen. Manche erfinden Erzählungen, andere realisieren Projekte. Durch das Hinterfragen von Lebensweisen, Gesellschaftsordnung, politischen Idealen oder kulturellen Werten stellen sie das bestehende System in Frage. Die Methode ist Teil ihres Konzepts. Sie spielen mit der Form, indem sie ihre Absichten entweder verschleiern oder subtil enthüllen, oder aber kategorisch verkünden. In jedem Fall sind ihre Projekte Werkzeuge, die dazu dienen, alternative Gesellschaftsformen tatsächlich in Betracht zu ziehen. Und das ist natürlich der Grund für die verwirrende Wirkung von Utopien. Sie verweisen nicht nur auf Orte, die ( vielleicht ) nicht existieren, sondern auch auf beispielhafte soziopolitische Systeme, abstrakte Konzepte und Realitäten, die (noch) schwer zuzulassen oder zu erreichen sind.

Genau in dieser Zwischenzone sind Utopien zuhause und aus diesem Schillern zwischen Realität und Fiktion ist das Projekt Utopics hervorgegangen. Auch wenn der Begriff der Utopie gemeinhin negativ konnotiert ist und auf ein Ideal verweist, das keinen Platz in der Welt hat, leben wir heute in einer Welt, in der alle Ideen Platz finden, wenn nicht real, so doch zumindest virtuell.

Die hier präsentierten Künstler/innen und Gruppen entwickeln extrem individualisierte Systeme, die genau von dieser Ambivalenz der heutigen Welt – dem Schillern zwischen Realität, Fiktion und Medialisierung – ausgehen. Manche wurzeln in ganz realen Gefilden, andere versuchen sich erst ein Territorium anzueignen. Doch selbst wo die Projekte im Internet angesiedelt sind, auf einer künstlichen Insel, in einem Schlafzimmer oder auf einem Blatt Papier, sind ihre Anliegen ebenso handfest wie idealistisch. Ob sie lokalisierbar sind oder nicht, sie stellen in sich eine Realität und ein Bekenntnis zum selbständigen Denken dar. Sie stellen per Affirmation in Frage.

Jeder der Intervenierenden hat seine eigene Sprache und Arbeitsweise. Manche schaffen Mikronationen: Reiche mit eigenem König, eigenen Gesetzen und eigenen Ausweispapieren. Andere gründen ideale Gemeinschaften oder annektieren Gebiete, die auf keiner Landkarte zu finden sind, wieder andere organisieren Naturisten-Camps oder gründen Schulen. Manchmal entwerfen sie ganze Kosmologien, propagieren den Panarchismus oder sprechen Esperanto. Manche richten Container so ein, dass darin ein künstlicher Urwald spriesst, bauen Türen, die nirgendwohin führen, betonieren den Boden zu oder richten gigantische Stacheln auf, um ihr Territorium zu markieren.

Die gewählten Formen sind vielfältig und weitgehend vom jeweiligen Projektzusammenhang abhängig. A priori lässt sich schwer entscheiden, ob es sich um Utopisten, Spassvögel, Autokraten, Missionare oder Künstler handelt. Diese Ungewissheit ist weder zufällig noch belanglos. Manchmal treffen sich die Inhalte und Methoden der einen mit denen der anderen. Die Parallele zwischen Kunstschaffen und atypischen Gesellschaftsmodellen ist Absicht. Sie erlaubt es, gewisse Vorurteile zu entkräften, besonders wo es um Ideale, die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft oder um Kunst im öffentlichen Raum geht.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts hat sich die Stellung des Individuums erheblich verändert, der öffentliche Raum hat sich entwickelt und neue Territorien sind ins Blickfeld geraten. Die von den diversen Medien verursachten Veränderungen haben sich spürbar auf die Selbstwahrnehmung des Individuums und seine Wahrnehmung der Umwelt ausgewirkt. Die massive Verbreitung von Personal Computern und Telefonapparaten, die ständig an drahtlose Netze angeschlossen sind, welche wiederum auf realzeitliche Datenbasen Zugriff haben, die ständige Lokalisierbarkeit über GPS-Systeme sowie die permanente gegenseitige Erreichbarkeit haben die Realität der Welt erweitert, in der sich der Mensch bewegt. Durch die Digitalisierung seines Lebensraums ist er jederzeit auffindbar, nach ihr richtet er sich, organisiert er sich, dank ihr findet er sich zurecht und kann kontaktiert werden. Manchmal wird er selbst digitalisiert und die Welt wie sein Platz in ihr erfahren eine Neudefinition. Er entwickelt sich in einer erweiterten Realität, die zur Mediarealität geworden ist. Die globale Welt, wie wir sie zu kennen glauben, ist im Begriff, sich eklatant zu vervielfältigen.

Wie die Utopien löst sich auch die Wahrheit selbst auf in diesem Zwischenraum, diesen Mäandern der Mediarealität: weder zwischen der realen Welt und deren Digitalisierung, noch zwischen einem Nicht-Ort und einem glückseligen Ort. Die Grenzen verfliessen und die Künstler/innen wissen dies beim Schaffen ihrer Utopien bestens zu nutzen. Sie entwickeln Strategien der Raumbesetzung, die diesen Ungewissheiten und Ungenauigkeiten Rechnung tragen. Sie schleusen ihre Denkweisen an der Peripherie ein oder infiltrieren Systeme durch Unschärfe. Die Grenzen werden so zugleich zu Indikatoren für das Überschreiten derselben. Sie arbeiten mit minimalen Verschiebungen im hauchdünnen Bereich des Infra-mince. Indem sie andersartige Territorien erfinden, einfordern oder ausbeuten, schaffen sie neue Tatsachen oder stellen die Weichen für neue Verhaltensweisen.

Die Menschheit hat sich dank immer neuen Entdeckungen, dank Nomadentum, Eroberungen und Kolonialisierung unaufhörlich ausgebreitet und so die Grenzen der Welt immer weiter zurückgeschoben. Heute regeln und beherrschen die bestehenden politischen Systeme praktisch den gesamten Globus, auch wenn es nach wie vor territoriale Konflikte gibt. Die ausgesparten Bereiche werden immer schmaler und enger. Selbst wenn Gebiete vorübergehend keiner Regulierung unterworfen sind und anscheinend ungeregelt neu besetzt werden, gibt es nur noch wenig wirklich unberührtes Land, das nicht vergeben ist und von niemandem beansprucht wird. Nicht anders verhält es sich mit dem bereits stark strukturierten und überladenen öffentlichen Raum. Die Handlungsspielräume werden immer enger.

Globalisierung und Medialisierung haben Distanzen und Massstäbe verschoben. Die physischen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten haben sich dieser Entwicklung entsprechend gewandelt. Das heisst, die Aktivitäten spielen sich – wie bei der Verbreitung von Viren – gleichzeitig auf individueller und globaler Ebene ab. Sie können mikroskopisch klein und lokal begrenzt sein und dennoch von umfassender Tragweite. Ein Einzelner kann den öffentlichen Raum infiltrieren wie ein Virus. Das Bild, das er erzeugt, sein Avatar, kann sich ausbreiten und einen Angriff auf die globalisierte Welt starten. Seine persönliche Utopie ist jederzeit virtuell umsetzbar.

Angesichts einer globalisierten Welt, in der alles reguliert und geplant ist, scheinen die hier vorgestellten Projekte tatsächlich Alternativen zur globalen Ordnung darzustellen. Die vielfältigen Stimmen, die sich Gehör zu verschaffen wissen, bilden einen Kontrapunkt zur herrschenden Denkweise. Es wird immer Individuen oder Gruppen geben, die etablierte Wertsysteme hinterfragen, neue Ideen entwickeln und neue Forschungsfelder erschliessen. Und die Teilnehmer/innen dieser Ausstellung gehören offensichtlich dazu.

Dank ihnen sehen wir uns ausnahmslos mit originellen Projekten konfrontiert, die auf unsere heutige Welt zugeschnitten sind. Wir verneigen uns daher vor der Arbeit der Ausstellungsteilnehmer/innen, ohne deren Ideen es weder etwas zu sehen noch zu studieren gäbe. Ihnen allen sind wir zu grossem Dank verpflichtet. Ausstellung und Werke – die meisten wurden speziell fu?r diesen Anlass geschaffen – konnten nur dank der grosszu?gigen Unterstu?tzung zahlreicher Partner realisiert werden, wir möchten an dieser Stelle besonders der Stadt Biel, dem Kanton Bern und dem Bund herzlich danken. Schliesslich möchten wir auch unserer Dankbarkeit gegenüber der Stiftung Schweizerische Plastikausstellungen Ausdruck verleihen, die sich seit Jahren mit grosser Leidenschaft für die zeitgenössische Kunst einsetzt.

Auch im Namen meines Mitarbeiterteams wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Besuch der Ausstellung und viele überraschende Entdeckungen!


Simon Lamunière, Künstlerischer Leiter