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SPA Geschichte / 2000 /

TRANSFERT Kunst im urbanen Raum
Nr. 10 SPA Biel – Bienne
17.06.- 30.8.2000

Transfert

Marc-Olivier Wahler

Der Ort, an dem Kunst stattfindet ist unbestimmt geworden, denn er umfaßt genauso gut das Museum oder die herkömmliche Kunsthalle wie eine Küche, ein Uferstreifen, ein Supermarkt, ein Krater, ein Eisenbahnwaggon, ein Bauernhof, eine Kaserne, eine Raumstation, ein Anrufbeantworter, einen Golfplatz, das Internet, den Meeresboden oder aber eine Stadt. Obwohl der Ort der Kunst somit überall ist, sind die Referenzen der Künstler heute vor allem urban. Sie entspringen nicht mehr einem Kunstsystem, das lange so etwas wie eine angenehme Ruhezone geboten hat, eine Plattform im offshore, wo der Lärm der Welt als geregeltes Säuseln aus einer Klimaanlage entgegen weht, sondern gewinnen ihre Struktur aus den Strömen, die sich durch die Straßen, Peripherien und Passagen ziehen: hybride, durchlässige Zonen im Zustand ständiger Umwandlung und fortlaufender Oszillation. Die urbanen Zonen geben daher in ihrer Vielfältigkeit sicherlich das günstigste und stimulierendste Gelände ab, um solche Strukturen in Gang zu bringen.


TRANSFERT ist die 10. Schweizer Plastikausstellung in Biel. Die erste Ausstellung dieser Reihe, die mit ihrer Absicht Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen wegweisend war, fand 1954, die bisher letzte 1991 statt. 39 eingeladene Künstler (aus Europa, USA, Thailand) schmuggeln sich in die Infrastrukturen der Stadt ein und erproben, wie Kunst unseren Alltag infiltrieren kann. Ein Plakatprogramm mit Beiträgen von vier Künstlern wird gleichzeitig in den Strassen von Basel, Berlin, Bern, Biel, Dijon, Genf, Hamburg, London, Neuenburg und Paris zu sehen sein.


DAS EINPFLANZEN

TRANSFERT betont die Begriffe des Einpflanzens und der Injektion als über den Gedanken des Hinzufügens oder des Supplements hinausreichend. Die Ausstellung sieht deshalb vor, in erster Linie die existierenden Infrastrukturen der Stadt zu benutzen (Dächer, Geländer, Laternen, Asphalt, Geschäfte, Fassaden, Plakate, Verkehrsmittel, Belüftungsschächte, Zeitungen, Fernsehen usw.), und zwar in dem festen Willen, deren jeweilige Logiken an ihre äussersten, ja sogar absurden Grenzen zu treiben. So inszeniert etwa ein Künstler drei Mal täglich eine Feuersbrunst, ein anderer installiert einen niesenden Mülleimer, weitere bieten von Motorradfahrern ausgeführte Choreographien, Ratschläge zum Verschwindenlassen bestimmter Produkte oder zum “Sich- Zuhause-Tarnen”, einen Baum der Angst, eine Sicherheitszone für das Kongresshaus, einen Staudamm für den Schüss-Kanal, Belüftungsschächte für einen Autobahntunnel, einen automatischen Brotspender für Vögel, Riesenaquarien, einen Raum der Zukunft, eine unerträgliche Jazzband, die die schönste Musik der Welt spielt oder Pillen, um Protestant, Künstler oder blond zu werden... Die aktuelle Kunst stellt sich nicht mehr vor die Welt, um sie besser untersuchen oder beschwören zu können. Vielmehr schmuggelt sie sich darin ein und fädelt sich durch die Vielfalt der Netze, die unsere Realität tagtäglich knüpft. Sie arbeitet eher in einer Logik der Bewegung, der Geschwindigkeit, als in einer Logik der Darstellung. Indem die Künstler von heute die Regeln der Sichtbarkeit verdrehen, bringen sie eine wahre Ästhetik der Unterschwelligkeit hervor.


DIE ZONE

Mit besonderem Augenmerk auf den Begriff der Ausstellung umgrenzt TRANSFERT eine zwischen drei geographischen Merkpunkten gelegene Zone und ermutigt – über ein dynamisches System von Entsprechungen – zum Dialog zwischen den Werken und daher auch zwischen den Werken und den Kontexten, in die sie sich einschreiben. Das Werk steht der Stadt nicht mehr allein gegenüber. Der Besucher läuft nicht mehr durch die Strassen, um nach Kunstwerken zu suchen. Stattdessen befindet er sich mitten in einer von ständig modifizierten Raum-Zeiten durchrasterten Zone.

An den Besuch einer Ausstellung geht man anders heran als an einen Spaziergang in der Stadt. Unvermeidlich entsteht ein Oszillieren zwischen der geistigen Verfassung, die zum Erleben einer Ausstellung gehört und jener, die man täglich beim Spazieren durch die Stadt empfindet. Auf dieses ständige Oszillieren kommt es hier an. Es bildet vor allem einen Energievektor. Da sich die künstlerischen Praktiken nun über ihren Gebrauchswert vermitteln, gilt es sie vordringlich an dem Ort des Austauschs und der Energie ins Spiel zu bringen, den die Stadt darstellt.

MARC-OLIVIER WAHLER