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SPA Geschichte / 1991 / Andreas Meier

Das erste und letzte Moment des Monuments

Denkmäler werden errichtet, eingeweiht und wieder gestürzt: und was ist dazwischen? Zur Kritik am feudalen Denkmal kamen Theorie und Kritik des bürgerlichen und sozialistischen Denkmals, zur rezeptionstheoretischen, die kunstkritische. Seit Einstein scheint die Idee des monumentalen Gedenksteins nicht mehr möglich. Die Beschleunigung des Lebens und die Auflösung statischer Lebensräume in eine Vielzahl realer und fiktionaler Lebensräume machte sichtbar, dass Herrschaftssymbolik von einzelnen verstreuten Punkten aus strategisch sinnlos war. Zumindest humanitären Ideen wünscht man eine wirksamere Verbreitung. Mit dem Auseinanderbrechen totalitärer Staatensysteme ist das Denkmal-Reservat einer ganzen Epoche, die der Vergangenheit angehören darf, zur Jagd freigegeben worden. Die Geschichte wird handgreiflich umgeschrieben. Vergessen und nicht Erinnern sind gefragt.


Der ästhetische Gedanke des Denkmals eines bestimmten Denkens und seiner Überwindung fasziniert bis heute. Neue (herrschaftslose) Denkmal-Findungen geben sich als Denkmäler aus und reihen sich in die Denkmal-Tradition, um diese zu unterbrechen. Was interessiert die Avantgarde an der totgesagten Formel des Denkmals? Die urbanistische Lücke im Herzen von Plätzen, ihr Unerwünschtsein am Rande von Verkehrsneuralgien? Ist es der Wahrnehmungsimperativ, der dem traditionellen Denkmalbegriff als übel- oder wohlriechender Geruch anhaftet oder die geheimnisvolle Anziehung seines morbiden Vergangenheitsschattens? Gehört Bedauern dazu, dass kaum ein Dichter und Philosoph geschweige denn ein Staatsmann aus dem demokratisch anerzogenen Gleichheitsempfinden mehr herauszuragen wagt, um Denkmalstatus zu erlangen? Oder Einsicht in die Unfähigkeit darüber, einen Konsens finden zu können, wem das Andenken und wofür zuteil werden soll? Ist es Resignation in der Endzeitstimmung eines zu Ende gehenden Jahrhunderts, das Mühe hat, mit seinen ökologischen Zukunftslasten seinen eigenen Ewigkeitsanspruch anzumelden? Tschernobyl und Bhopal als Real-Denkmäler gegen menschliches Versagen und Vergessen?


Wo immer heute noch Denkmäler realen Gedenkens entstehen und nicht fantasiearme Erinnerungsformeln wiederholt werden, gehört es dazu, Ort und Umstände, Person und Geschehen, den Vorgang von Erinnern und Vergessen und ihre formale Inszenierung und künstlerische Bewältigung mitzubedenken und sie zum eigentlichen Gegenstand eines (Anti)Denkmals zu machen. Ist im Zeitalter digitalisierten Speicherns, das noch lange nicht Erinnern bedeutet, das Keilschriftzeichen apriori ein Anachronismus oder muss nicht jedem Geschichtsschreiber die private Auf- und Abberufbarkeit von Showmaster-Idolen per Knopfdruck-Plebiszit am Bildschirm zu denken geben, ob kollektives Erinnern im Rahmen eines Zwanzig-Kanal-Angebotes noch möglich ist?


Solange wir die Wohnungen noch verlassen und uns in der Real-Weit noch in die Öffentlichkeit begeben, hat die krude Form des Gedenksteins und das fiktive und spielerische Denkmal-Objekt eine ungeklärte materielle Anziehungskraft für Künstler und alle, die primäre Wahrnehmung zu hinterfragen suchen. In einen ästhetischen Kontext gestellt gemessen Sockel, namenlose Büsten, eine perforierte Bronzetafel mit Kopfprofil, unlesbare Inschriften, unmotiviert auftretende Feldherrenposen, die «Doppelherrschaft» eines monumentalisierten Kirschenpaares, gewöhnliche Bäume, verschobene und irritierend zurückversetzte Denkmäler plötzliche und unmittelbare Denkwürdigkeit und Denkanstossfähigkeit.


Vergeblich warten wir auf neue utopiebringende Persönlichkeiten wie Rousseau, Haller, Pestalozzi, Dufour und Dunant. Niemand findet mehr Sinn, realistische Abbilder auf Sokkel zu befördern. Ein Kulturpreis ist diskreter, ein Oscar- oder Nobel-Preisträger-Auftritt in den Medien globaler als es je ein Denkmal war, aber wie jedes Mediengeschehen letztlich auch ephemer. Ein Blick im Jahre «700 nach dem Rütlischwur» auf zahllose Fotografien von Einweihungs- und Enthüllungszeremonien des vergangenen Jahrhunderts lässt offenbar werden, was manche in Erinnerung an das 19. Jahrhundert so gründlich vermissen und so gerne noch einmal als Kollektiverlebnis inszeniert haben möchten. Wir vermissen die Gedenkzüge, die Reden, die Fahnen, die szenischen Spiele, die Chöre und Aufmärsche. Dass die Sehnsucht nach Kollektiverleben in Form einer Prozession im Oster- und Pfingststau auf der Autobahn lustvolle Erfüllung findet und noch spannender sein kann als das Massenerlebnis bei Fussball- und Eishockey-Spielen, gibt nicht nur Soziologen zu denken.


Mit einer gewissen Genugtuung angesichts jahrzehntelanger unhinterfragter orthodoxer Autoritätsgläubigkeit sehen wir im Osten erzgegossene und steingehauene Statuen wanken. Beweisen Denkmäler apriori die Immobilität des Denkens, ontologisches Unvermögen sich auszudenken, wie etwas auch anders sein könnte. Ihre Beseitigung als Sinnbild der Immobilität scheint im heutigen Zeitpunkt erstes und oberstes Handlungsziel aufständischer Volksbewegungen zu sein. Doktrin und Utopie stehen in unauflösbarem Widerspruch. Sind deswegen vielleicht Antidenkmäler utopieträchtig, Zeichen der Negation im Sinne geistiger Mobilität, Antikörper gegen die Gefahr, dass Idealstaats-Denken die Realität überlagert und Theorie als real existent interpretiert wird? Utopie schliesst ein Endlichkeitsdenken aus.


Joseph Beuys, wie kein anderer Künstler fähig zur Utopie, als ein in die Zukunft gerichtetes schöpferisches Denken, hat sein Projekt 7000 Eichen in Kassel als Monument bezeichnet. Es steht am Abschluss eines Lebenswerkes, das im Zeichen des christlichen Kreuzes begann. Er hat diese sich über fünf Jahre erstreckende Aktion des Bäume-Pflanzens und Steine-Setzens symbolisch als Hoffnungsinvestition betrachtet. Jeder einzelne Baum hat Zeichenhaftigkeit und Monumentcharakter dadurch erhalten, dass er aus einem lebenden Teil - dem sich ständig in der Zeit verändernden Wesen Baum - und einem Teil, der kristallin ist und seine Form, Masse, Grösse, Gewicht beibehält, besteht und fortbesteht. In dieser Disposition von Leben und toter Materie ist der Zeitbegriff eingeschlossen. Der Baum allein - identisch mit Leben und Natur schlechthin, ohne Hinweis- und Zeichencharakter - wurde mit dem Stein zusammen erst deutbar als «Energiepotential» und «Hoffnungszeichen». Den Kritikern, die darin nur eine künstlerisch überhöhte ökologische Aktion sahen, hielt er entgegen, dass diese Bäume nicht einfach Gartenamts- und Stadtpflegeaufgabe erfüllen würden, sondern als geistige Idee ständen für neue Zukunftsvorstellungen. Beuys sah diese letzte grosse Arbeit mit der Doppelfunktion von Aktions- und Werkcharakter im Rahmen eines neuen Kunst- und Kreativitätsbegriffs, der sich in alle Lebensräume des Menschen begibt, um einen neuen Kapitalbegriff bewusst zu machen, den menschlicher Denk- und Utopiefähigkeit.


Andreas Meier