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SPA Geschichte / 1991 / Hervé Gauville

Auf der Suche nach dem verlorenen Denkmal

Die Kalesche rollt rasch dahin. Die Marquise de Villeparisis sagt einstweilen kein Wort. «Plötzlich erfüllte mich jenes tiefe Glücksgefühl, das ich seit den Tagen in Combray nicht mehr oft erlebt hatte.» Der Erzähler erinnert sich vor allen Dingen an ein schon einmal empfundenes Gefühl, und diese Entdeckung bringt ihm schlagartig zum Bewusstsein, dass ihm eine neue Emotion bevorsteht. Das Gefühl von einst, Garant und Vorbild für das Gefühl, dem er sich hinzugeben anschickt, war in einem anderen Wagen über ihn gekommen, «im Wägelchen des Doktors Percepied, von dem aus ich gesehen hatte, wie sich die Kirchtürme von Martinville am abendlichen Himmel abzeichneten». Proust erwähnt zuerst den Eindruck und dann das auslösende Moment. Das Schauspiel ist weniger wichtig als die Wirkung, die es auf den Betrachter ausübt. Darin zeigt sich die Zufälligkeit, ja Ersetzbarkeit des Gegenstandes, der die Gemütsbewegung auslöst. Er funktioniert als Hinweis und Mahnung. Diese Bedeutungen sind, etymologisch gesehen, im Wort «Monument» enthalten (lateinisch monere: mahnen).


Jedesmal, wenn ein Gegenstand eine ins Unterbewusstsein abgesunkene Gemütsbewegung wieder wachruft, hat man es zweifellos mit einem Monument zu tun, es sei denn, man verstehe darunter nicht bloss ein imposantes Gebilde - ein Bauwerk oder eine Skulptur- das dazu bestimmt ist, an eine Person oder an ein Ereignis zu gemahnen. Denn die Funktion des Denkmals besteht gerade darin, den Passanten aus der Lethargie der Gegenwart herauszureissen und ihn auf die Begegnung mit einer Erinnerung hinzulenken. Über die Natur der Erinnerung wäre viel zu sagen, doch eilen wir nicht schneller als die Kalesche von Madame de Villeparisis.


«Ich hatte soeben hinter der ansteigenden Strasse, der wir folgten, drei Bäume erblickt, die offenbar den Eingang einer geschlossenen Allee und eine Zeichnung bildeten, die ich nicht zum ersten Mal sah.» Man wird einwenden, ein Baum sei kein Denkmal. Zu Unrecht! Man könnte an den mit Schnitzereien verzierten Totempfahl erinnern, doch es genügt, darauf hinzuweisen, dass die drei Bäume eine Zeichnung bildeten. Sie drängen sich der Aufmerksamkeit des spazierenfahrenden Erzählers keineswegs durch besondere Schönheit auf; obwohl er die Einzelheiten auf anderen Seiten genau und eingehend schildert, unterlässt er es hier geflissentlich zu präzisieren, ob es sich um Ulmen, Kiefern oder Birken handelt. Drei Bäume, die offenbar den Eingang einer Allee bildeten: Die Unschärfe der Beschreibung ist umgekehrt proportional zur Feinheit der anschliessenden Reflexionen.


Der doppelt aufmerksam gewordene Leser macht sich darauf gefasst, den Geschmack der Madeleine zu verkosten. Doch nein! Die Bäume strecken ihre Äste dem Verlangen Marcels vergeblich entgegen: Es will nichts kommen, nichts geschehen. Die Epiphanie bleibt aus. Die Begegnung mit dem Denkmal scheitert. Seine Funktion, das Bewusstsein wachzurütteln, wird matt gesetzt. Dem Betrachter will es trotz aller Bemühungen nicht gelingen, die entschwundene Erinnerung zurückzurufen, die Vergangenheit einzuholen. Verlorene Zeit. Die Anamnese zieht ein leeres Netz ein, kein Bild von Combray, keine Erinnerung an jene «ländliche Gegend in Deutschland, die ich eines Jahres mit meiner Grossmutter aufgesucht hatte, um eine Brunnenkur zu machen». Wie ist das möglich? Wie kann das Denkmal seine wichtigste Aufgabe verfehlen?


«Exegi monumentum aere perennius». So sagt Horaz. Dauernder als Erz, gewiss, doch wozu frommt die ewigkeitssüchtige Starrheit, wenn das Denkmal toter Buchstabe bleibt, wenn es nicht einmal mehr Toten-Mal ist, sondern unvermittelt zum toten Mal wird? Der Proustsche Text besagt, dass die Stelen oder Skulpturen, ob errichtet oder bloss gezeichnet, nichts als abgestorbene Äste im Laubwerk des Gedächtnisses sind, wenn der auf sie Zugehende ihnen nicht wahrhaft begegnet. Er besagt des weiteren: Es gibt keinen anderen Weg zurück in die Vergangenheit als den Weg nach vorn in die Zukunft, bis zur nächsten Abbiegung, die die drei Bäume auslöschen wird und mit ihnen «ein ganzes Stück seiner selbst, das wir dir entgegenbrachten». Diese Stelle gilt es zu beachten; sie behauptet nämlich, es gebe keinen Halt. Denn selbst wenn Madame de Villeparisis ihrem Kutscher befohlen hätte anzuhalten, wären die Bäume trotzdem «hinter diesem Weg» entschwunden und hätten den Sich-um-sie-Bemühenden mit der Vergeblichkeit seiner Anstrengungen zurückgelassen. Diese Einzelheit verdient hervorgehoben zu werden, denn sie zeigt, dass der Zugang zur Bedeutung eines Denkmals von dem abhängig ist, was Lacan die vorweggenommene Gewissheit nennt.


Anhand eines Gesellschaftsspiels zeigt er, wie drei Gefangene das ihnen gestellte Problem lösen, indem sie einen Schritt nach vorn tun. Die einzige Möglichkeit, die Hypothese zu verifizieren, besteht darin, auf das zuzugehen, was noch nicht wahr und gewiss, ja noch nicht einmal bekannt ist. Ihre Wette veranlasst sie, die Wahrheit zu überrunden. Proust strebt in seinem Wagen auf eine Offenbarung zu, die sich ihm im letzten Augenblick in extremis, das heisst bei der nächsten Abzweigung, entzieht. Und alsbald «trug mich die Kalesche weit fort von dem, was ich für allein wahr hielt, was mich wahrhaft glücklich gemacht hätte - sie glich meinem Leben». Wahr, wahrhaft. Die Wiederholung ist für den wahren Einsatz bezeichnend.


«Und warum diese unstillbare Sehnsucht nach dem Anderswo? Warum diese Verbindung, die wir bisweilen mit dem vergänglichen Hier eingehen, indem wir es um des Abschiedsschmerzes und auch um der Wiedersehensfreude willen verlassen?» fragt Yves Bonnefoy, wenn er das Arrière-pays beschwört. Die Bereiche der Vergangenheit werfen derartige Fragen vor allem dann auf, wenn man beginnt, «in der Zeit doppelt zu sehen, so wie man manchmal im Raume doppelt sieht». In jedem Fall ein Bild und welchen Umriss dieses auch immer annimmt, das Erfinden von Erinnerungen, der einsame Gedenkende darf nicht mit hängenden Armen stehen bleiben. Auf eigene Rechnung und  Gefahr, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen, muss er seinen Pilgerstab ergreifen und aufbrechen - «um der Wiedersehensfreude willen». Im Grunde genommen, fällt der Unterschied zwischen einem freigewählten oder aufgezwungenen Denkmal und einer gewöhnlichen Anzeigetafel kaum ins Gewicht. Wer sich ans Entziffern macht, muss die ganze Arbeit leisten. «Ich erlebte wieder jene Art des Genusses, die vom Denken wohl ein gewisses Arbeiten an sich selbst verlangt, neben der jedoch die Annehmlichkeiten der Gleichgültigkeit, die einen darauf verzichten lassen, höchst mittelmässig erscheinen.»


Ausserdem muss das Denkmal, dieser Sinnauslöser, - und das ist nicht die unwichtigste Voraussetzung - der Entschlüsselung entgegenkommen. Wer erinnert sich schon an Ptolemäus V Epiphanes oder gar an den französischen Genieoffizier Bouchard? Der erste ist der Autor des Dekretes, das auf dem Stein von Rosette eingemeisselt ist, der zweite dessen Entdecker. Doch den Stein berühmt gemacht hat Champollion, indem er den in drei Schriftarten (Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch) abgefassten, zweisprachigen Text entzifferte. In diesem Falle wurde eine gemeisselte Tafel durch den Gebrauch, den man von ihr machte, in ein Denkmal verwandelt. Und dabei sollte man nicht vergessen, dass der französische Ägyptologe nach Thomas Young an die Aufgabe heran - und ein Stückweit über ihn hinausging.


Je weiter die Vergangenheit zurückliegt und je tiefer sie versunken ist, desto höher wird sie der Archäologe über die Spekulationen seiner Zeit erheben. Trotz der immer wieder bekundeten Absicht, an die gemeinsame Vergangenheit anzuknüpfen, kann das Denkmal wie die Bäume am Weg nach Balbec und wie der Stein von Rosette seine Botschaft nur einem einzigen Individuum (es sei denn, einem nach dem andern) mitteilen. Diesem steht es frei, ihren Inhalt zu verbreiten. Die Gemeinschaft, die das Denkmal errichten Hess, wird sich später, oft lange danach, um dieses Emblem der sozialen Wiederbelebung versammeln. Zwischen diese beiden Tätigkeiten schieben sich in räumlicher Hinsicht eine Stele, eine Statue, ... ein Baum, in zeitlicher Hinsicht «ein gewisses Arbeiten an sich selbst». Man darf auch nicht ausser acht lassen, dass die beiden Gemeinschaften nicht auswechselbar sind, obwohl sie sich auf eine gemeinsame Identität berufen. Die zweite übernimmt die Aufgabe, die erste durch die Vermittlung des Denkmals zu feiern, um nicht zu sagen: zu schaffen. Doch das ist eine Nebenerscheinung des Denkmals, nicht sein Sockel.


Also warum? Ja, warum diese Sehnsucht nach dem Anderswo, warum diese verfehlte Begegnung auf einem Küstensträsschen? Warum diese Jubiläen der Vergesslichkeit, diese Feste ohne Zeugen, dieses Flickwerk aus Gerüchten, Sagen, embryonalen Berichten, abgetriebenen Liebschaften und einer unaufhörlichen und unaufhörlich aufgeschobenen Parusie? Das ist der Augenblick, in dem sich Madame de Villeparisis über das Schweigen ihres Gefährten wundert und ihn fragt, warum er so nachdenklich sei. Die Bäume sind für immer entschwunden: «Ich war traurig, als hätte ich eben einen Freund verloren, selber den Tod gefunden, einen Verstorbenen verleugnet oder einen Gott nicht erkannt.» Das Ereignis, um das es hier geht, ist, wie man sieht, weit wichtiger, als es eine vorübergehende Amnesie oder die Zerstreutheit eines Reisenden ist.


Obwohl wir uns dessen kaum bewusst werden, begegnen wir in jeder Stunde unseres Lebens einer Erleuchtung: Alle Wege führen nach Damaskus, wenn die Sonne durch das Laub der Wipfel dringt und auf ein Antlitz fällt, wie das Schwert eine Tunika zerschneidet. Wenn du dich heute an den stummen Stämmen wundreibst, so wirst du morgen - und mit welcher Inbrunst! - auf dem Pflaster des Sankt-Markus-Platzes straucheln. Kein Genius loci ohne einen Zeigefinger, der ihn sich selbst - oder einem anderen - enthüllt.


Nun trotten die beiden Pferde der Marquise im Passgang. «Man musste an die Rückkehr denken.» Kutscher, lass die Peitsche knallen!


Hervé Gauville