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SPA Geschichte / 1991 / Mario Erdheim

Psychoanalytisches zum Denkmal 

Denkmale sollten der Erinnerung dienen. Erinnerung ist Vergegenwärtigung von Vergangenem, aber die Frage ist: Wie sollten Denkmale wen an was erinnern? Sie sollen die Menschen zum Denken bringen und sie so an etwas zwar Vergangenes, aber weiterhin Wirksames und Wichtiges erinnern. Das ist nichts Selbstverständliches, die Psychoanalyse kennt auch eine andere Art der Vergegenwärtigung, die mit dem Denken nichts zu tun hat, und nennt sie «agieren». «Agieren» heisst, unbewusst handelnd etwas Vergangenes zu wiederholen. Nur dann, wenn der Mensch sich denkend erinnert, vermag er dem Wiederholungszwang zu entgehen, vermag er dem Verhängnis Einhalt zu gebieten, immer das tun zu müssen, was sich seinem Verständnis entzieht.


So gesehen, stellen die meisten Denkmale Aufforderungen zum Agieren dar. Kriegerdenkmale zum Beispiel bringen die Menschen meistens nicht zum Denken, sondern fordern sie dazu auf, wieder Kriege zu führen. Auch dort, wo es um Mahnmale geht, fällt das Denken schwer und eine Eigenart der Denkmale kommt zum Vorschein: sie appellieren an das Überich. Eigentlich sind sie nicht, wie schon behauptet wurde, Abkömmlinge des Phallus, sondern eher des erhobenen Zeigefingers. Denkmale sollen den Menschen etwas einschärfen, zum Beispiel die Grösse eines Heerführers, oder sie belehren: Hier fand dieses oder jenes Ereignis statt, oder sie mit einem «Nicht vergessen!» warnen. Das Überich ist eine Instanz, die sich auf keine Einsichten zu berufen braucht, sondern imperativ fordert - es geht nicht ums Denken und Abwägen, sondern ums Befolgen. Musils scharfsinnige Beobachtung, Denkmälern hafte etwas an, was sie unsichtbar mache, und wer mittels eines Denkmals verewigt werde, den stürze man eigentlich ins Vergessen, verweisen ebenfalls aufs Überich. So wie sich die Individuen gegen ein strenges Überich wehren, indem sie es umgehen, so übersehen sie die mahnenden Denkmäler und vergessen das, woran sie erinnert werden sollen.


Diese Denkmale widerspiegeln eine ganz bestimmte Art der Geschichtsbetrachtung, nämlich diejenige, die auf die Fragen von Brechts lesendem Arbeiter keine Antwort gibt: «...Und das mehrmals zerstörte Babylon - wer baute es so viele Male auf? (...) Das grosse Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen triumphierten die Cäsaren?». Aber auch wenn die Denkmäler etwas darüber aussagten, wenn sie die Namen all der Arbeiter oder der niedergeworfenen und ausgeplünderten Völker aufzählten - solange Denkmale Überichmale sind, sind sie auch die Gräber, in welchen das Bewusstsein über die Vergangenheit zum Verschwinden gebracht wird.


Die Selbstreflexiviät, welche die Kunst der Moderne auszeichnet, hatte es am schwersten, sich bei den das Denken so entschieden abweisenden Denkmälern durchzusetzen. Wo es aber gelang, kam es zu wesentlichen Strukturveränderungen, ähnlich wie bei Individuen, die nicht mehr den Befehlen des Überichs, sondern den Einsichten ihres Ichs folgen. Zwar verloren diese Denkmäler ihre Monumentalität - sie sind leise wie die Stimme der Vernunft, schliessen aber dafür das jede sakrale Aura zerstörende Lachen nicht mehr aus. Sie drängen sich nicht mehr auf, sondern verführen durch ihre Rätselhaftigkeit. Sie glätten nicht mehr die Widersprüche, sondern regen mit ihren Paradoxa das Denken an. Sie meiden die Sakralität, die jedes Denken lähmt, und nehmen das Alltägliche auf.


Mario Erdheim