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SPA Geschichte / 1975 / Peter F. Althaus

Polemische Gedanken zur Rezeption von Kunstwerken


Die Kunstgeschichte hat eine recht ehrwürdige Tradition, die man -  wenn auch mit sehr unterschiedlichen Aspekten — bis in die Renaissance (zu Vasaris halb- dokumentarischen Vitae etwa) zurückverfolgen könnte. Eigentlich scheint es überraschend, dass dabei zwar die verschiedensten möglichen Betrachtungsweisen der Kunstwerke, die man ja ihrerseits u.a. als Ausdruck höchst unterschiedlicher Sehweisen untersuchen kann, offensichtlich werden, dass es aber den letzten zwanzig Jahren vorbehalten war, diese selber zum Thema von Untersuchungen zu machen. Anlässe dazu könnte man einerseits in der theoretischen Beschäftigung mit der Kommunikation im weitesten Sinne sehen, deren Bedeutung als Funktion der grösseren Komplexität und Arbeitsteiligkeit unserer Lebensumstände ersichtlich wird. Andererseits entsprangen sie auch der Notwendigkeit, Entfremdung und fehlende Solidarität durch Organisationen und Institutionen auszugleichen.

Im Bereich der Kommunikationsforschung, vor allem in ihrem die Wirkung betreffenden (in der Fachterminologie «pragmatischen») Aspekt wird die Kunst und das Kunstwerk als eines der Medien, und zwar keineswegs als das wichtigste oder ranghöchste betrachtet. So fällt die Untersuchung der Kunstrezeption mit deren Demystifizierung zusammen: Das Kunstwerk ist nun nicht mehr so sehr die Schöpfung eines einmaligen, wildgewachsenen rätselhaften Genies, sondern der Ausdruck eines vielleicht besonders aufmerksamen und sensibilisierten Menschen, der in irgendeiner Weise sein Selbstverständnis in der von ihm wahrgenommenen Umwelt vermittelt. Von aussen gesehen ist das Kunstwerk somit die Mitteilung eines Individuums, in der durch den Filter dieser Persönlichkeit die Zwänge, Abhängigkeiten, Denk- und Sehmodelle usw. in unserer Gesellschaft an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten, geschichtlich bedingten Zeitpunkt sichtbar werden. Das Verstehen dieser Mitteilung kann sich -  je nach den dem Empfänger der Mitteilung zu Verfügung stehenden, d.h. schon gelernten und geübten «Sprachen» (Codes), beim gleichen Objekt auf verschiedenen Ebenen abspielen.

Das Kunstwerk - wie natürlich jedes andere Objekt auch - wird in einem bestimmten Bezugsrahmen wahrgenommen, der zu einem Teil von den physiologischen und psychologischen Gegebenheiten und persönlichen Lebenserfahrungen, zu einem Teil von den äusseren Umständen (räumlicher und zeitlicher Bezug zwischen Subjekt und Objekt) und zu einem Teil von den Wahrnehmungskonventionen eines bestimmten sozialen Milieus (bedingt etwa durch Bildung, Status, Beruf, Religion u.a.) abhängig ist. Anders ausgedrückt: das Objekt wird bei der ersten Kontaktnahme «erkannt», d.h. zu etwas schon im Bildgedächtnis des Wahrnehmenden Vorhandenen in Beziehung gesetzt und begrifflich eingeordnet (es wird identifiziert). Dabei spielt die objektive Richtigkeit des Erkennens keine Rolle; oft genügen Ähnlichkeiten oder Assoziationen (man denke auch an optische Täuschungen), um ein Erkennen als befriedigend zu empfinden: Das neue Objekt kann dann in die bestehende Begriffswelt des Wahrnehmenden eingebaut werden, ist also kein Störfaktor mehr und übt keinen Reiz mehr aus. Je schneller etwas «erkannt» wird, desto weniger Anreiz zur weiteren Betrachtung ist gegeben («Aha ein Picasso!» scheint oft eine weitere Betrachtung überflüssig zu machen oder gibt jedenfalls die Richtung dieser Betrachtung zwingend an bis zum kennerhaften «ein guter Picasso für 1967!»).

Wesentlichen Einfluss auf die Wahrnehmung, die ja immer selektioniert, d.h. Teilwahrnehmung ist, haben auch Motivation und Erwartung. Ich habe die Neigung, das zu sehen, was ich zu sehen wünsche (z.B. fünfmal am Tag die Geliebte im Strassenpublikum) und ich habe die Neigung, das zu sehen, was ich zu sehen erwarte (z. B. dass der Mann im weissen Arbeitsmantel ein Stethoskop in der Tasche hat). Wir neigen dazu - es ist ja auch viel weniger anstrengend - immer wieder die gleichen Stereotypen wiederzufinden. Entsprechend dem Gesetz des Wahrnehmungsfeldes, dass wir dazu neigen, angeschnittene einfache geometrische Formen (als «Gute Gestalten») schon im Wahrnehmungsprozess zu ergänzen. Wahrnehmen könnte auch als Kompromiss zwischen empfangenen Sinnesreizen und Bedürfnissen und Erwartungen beschrieben werden. Deshalb pflegen wir uns auch gegen das Verändern unserer Sehgewohnheiten zu wehren, wie es gerade von der Avantgarde der Künstler von uns verlangt wird. Erstens weil dadurch unser eingeübtes Weltbild, unser Bezugsrahmen verunsichert wird. Aber auch weil wir Angst davor haben, von der Kommunikationsrunde der Kunstkenner ausgeschlossen zu werden, wenn wir die neusten Codes nicht sofort verstehen. Nicht mitreden können, das darf sich im aufgeschlossenen Kunstbetrieb keiner leisten.

Was nun in diesem Zusammenhang besonders beunruhigend wirkt, sind die Auswirkungen der oben angesprochenen «Neigungen» im Bereich der bildenden Künste, also in einem Elementarbereich der sinnlichen Wahrnehmung (sollte man meinen). In dem Moment, da ein farbiges Stück Leinwand in einem Rahmen an der Wand hängt oder als Reproduktion in einer Kunstzeitschrift auftaucht, rastert die Vorstellung «Kunst» als Bezugsrahmen der Wahrnehmung ein. Duchamp hat uns schon gezeigt, dass es nur der räumlichen oder auch der sprachlichen Verpflanzung eines Objektes in eine Kunstgalerie usw. bedarf, um unsere Betrachtungsweise zu ändern. Der Bezugsrahmen (-raster) «Kunst» führt die einen zu einer präzisen, auf traditioneller Kennerschaft begründeten Erwartungshaltung, die nur wenige Retouchen erlaubt; andere zu einem resignierten Verzicht auf eine eigene Stellungnahme überhaupt. Für dritte öffnet sich ein Freiraum, in dem alles erlaubt ist und kritische Äusserungen das Image der eigenen Aufgeschlossenheit in Frage stellen könnten. Und so weiter. Es gibt nur wenige, die im Felde des offiziellen Kunstgeschehens nicht ein spezielles «Kunstbetrachtungsverhalten» vorzeigen. Damit wird der Kunst, die ja in den meisten Fällen wie alle Kommunikation auf eine verändernde Wirkung bedacht ist, von vorneherein die Chance genommen, als verbindlich empfangen zu werden und eine wirkliche Veränderung in unserem sozialen Milieu zu provozieren. Das ist schade.

 

Peter F. Althaus