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SPA Geschichte / 1975 / Maurice Ziegler

Kunst im öffentlichen Raum


Mit «Kunst im öffentlichen Raum» meinen wir Äusserungen bildender Kunst jeglicher Art wie Plastik, Wandbild, Relief, aber auch «Environment» und Umgebungsgestaltung: wichtigste Bedingung einer solchen Kunst bleibt, dass sie öffentlich zugänglich ist.

Wie unterscheidet sich die Kunst im öffentlichen Raum von den Kunstwerken, die im Museum ausgestellt sind? Der Unterschied betrifft die Betrachtung dieser Kunst, betrifft demnach auch den Betrachter. Es ist eine Frage des Kontakts. Ins Museum geht der Betrachter willentlich, und er konzentriert sich auf die Kunstwerke, die in einer eigens für sie hergerichteten Umgebung präsentiert werden. Ganz anders verhält es sich im öffentlichen Raum: da werden die Kunstwerke zum Teil einer komplexen Umgebung, zu Gegenständen unter vielen andern, da werden sie vielleicht empfunden, eher wahrgenommen als gesehen und angeschaut. Ein oft beobachteter Vorgang mag als Beispiel für solches Verhalten dienen :wird ein Kunstwerk im öffentlichen Raum aufgestellt und eingeweiht, so konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Betrachter auf das neue Objekt, das seine «Sternstunde» erlebt und schön zur Geltung kommt. Aber wie lange dauert es, bis man sich an ein solches Kunstwerk gewöhnt hat, bis man es nicht mehr zur Kenntnis nimmt, bis man es vergisst? Die Tendenz zur Gewöhnung, zum Vergessen wird noch beschleunigt, wenn sich das betreffende Werk in unpassender, unwirtlicher Umgebung befindet, in Räumen und Architekturen, für die es nicht geschaffen ist. Wir müssen uns fragen, ob Kunstwerke nicht auch so platziert werden können, dass sie ihre Ausstrahlung behalten, dass sie aktiv und wirksam bleiben, dass sie einen Beitrag zur vielzitierten Lebensqualität leisten. Mit solchen Zielsetzungen müsste die Kunst im öffentlichen Raum verbunden sein, erst dann bekäme sie ihren eigentlichen Sinn. Dann vermöchte sie auch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, ins Alltagsleben einzudringen. Und statt dass man solche Kunstwerke als Fremdkörper empfinden, sich an sie gewöhnen, sie schnell vergessen würde, bekämen sie jetzt die Funktion von etwas Natürlichem, Selbstverständlichem, von etwas Angenehmem, Schönem, das man nicht missen möchte.

In früheren Epochen hatten Kunstwerke, Plastiken, in der Architektur wie im architektonischen Raum bestimmte Rollen zu spielen. Das Akzeptieren solcher Rollen, das Wissen um sie ist verloren gegangen. Heute gilt es abzurücken von der Idee des Einzelwerks, mit dem man, mehr oder weniger zufällig, einen Bau «schmückt». Der künstlerische Beitrag müsste sich ins Bauen integrieren, um zusammen mit der Architektur ein spezifisches Klima zu erzeugen. Wir brauchen den Künstler, um den Zivilisations-Raum, in dem wir leben, wohnlicher zu gestalten. Des Künstlers Fähigkeiten, sein Gefühl und Verständnis für Formen und Farben müssten in den Dienst der Öffentlichkeit genommen werden.

Der Künstler würde also mitarbeiten im Team von Architekten, Ingenieuren und weiteren Fachleuten. Seine Funktion wäre die eines Fachmanns für visuell registrierbare Elemente, aber auch die eines Ferments, eines Ideenlieferanten, eines unbelasteten, freien Diskussionspartners. Durch die Art seines Schaffens hat der Künstler meist ganz andere Beziehungen und Assoziationen zu den Materialien, zu den Ausdrucksmöglichkeiten von Formen und Farben, als der Architekt. Auch sein Zugang zu den gestellten Problemen ist ein anderer als der des Architekten. Er ist durch Administration, Organisation, planmässige Darstellung (Reissschiene und Winkel) nicht belastet.

Für die neuen Perspektiven, die der Künstler in die Umweltgestaltung einbringen kann, ist ein günstiges Arbeitsklima Voraussetzung. Grosszügig muss der Auftrag formuliert sein, der ihm erteilt wird, und die Beteiligten sollten gewillt sein, von der Zusammenarbeit, auf die sie sich einlassen, zu profitieren. Es wäre nützlich, den Künstler an der Gestaltung eines grossen, zusammenhängenden Raums zu beteiligen; er hätte mit Bodenbelägen, Bepflanzungen, Treppen, Sitzgelegenheiten, Erdbewegungen, Beleuchtung, Wegführungen, Platzgestaltungen und anderem mehr zu tun. Das wären Tätigkeiten, die in den Bereich der Umgebungsarbeiten fallen würden und aus dem dafür bereitgestellten Kredit müsste man sie auch bezahlen können.

Die Unbelastetheit der meisten Künstler gegenüber baulichen Fragen kann eine Quelle der Inspiration sein, kann zu neuen, originellen Lösungen führen. Aber natürlich schafft sie auch Verständigungsschwierigkeiten, enthält Störelemente: das stille Einverständnis der aufeinander eingespielten Baufachleute wird aufgebrochen. Der Künstler ist im Team der Baufachleute der unbekannte Faktor. Man müsste sich seinen Ideen, seinen Vorschlägen, seiner Kritik stellen, versuchen, Nutzen daraus zu ziehen. Auf das, was man beim Grafiker oder Designer zählen kann, auf ein einigermassen systemkonformes Verhalten, das darf man vom Bildhauer oder Maler nicht unbedingt erwarten.

Das Bau-Team, das sich bereit erklärt einen Künstler in die Gruppe aufzunehmen, müsste bereit sein, ihm volles Vertrauen entgegenzubringen, müsste ihn als ebenbürtigen Partner akzeptieren. Einzuplanen in den Arbeitsablauf wären psychische Belastungen, Komplikationen aller Art, Mehraufwand an Zeit. Der Architekt sähe sich mit der Tatsache konfrontiert, dass der Künstler in sein Werk eingreifen, Veränderungen verlangen würde. Ebenso müsste natürlich auch der Künstler bereit sein, dem Bau-Team volles Vertrauen entgegenzubringen, es als ebenbürtigen Partner zu akzeptieren, psychische Belastungen, allerhand Komplikationen, intensives Arbeitspensum auf sich zu nehmen. Ferner müsste er einsehen können, dass einige seiner Vorstellungen aus baulichen, funktionellen, finanziellen Gründen nicht realisierbar wären, und dass die Arbeit am Projekt, später am Bau nicht nur gemäss seinem Arbeitsrhythmus erfolgen könnte.

Da die Standpunkte und Betrachtungsweisen von Bau-Team und Künstler trotz gegenseitigen Vertrauens verschieden sind, hat es sich bewährt, für solche Versuche einen künstlerischen Berater beizuziehen, der die Probleme sachlicher und psychologischer Art von beiden Seiten her kennt. Er kann aus seiner Erfahrung dem Architekten verschiedene Möglichkeiten der Problemstellung und der Künstlerauswahl vorschlagen. Er organisiert die ganze Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten und sorgt dafür, dass ein gutes Arbeitsklima herrscht.

Für die Phase der Projektierung muss viel Zeit eingesetzt werden. Um den Kostenvoranschlag zu erstellen, sollten auch schon Vorstellungen hinsichtlich der Gestaltung der Umgebungsarbeiten skizziert sein, damit später nicht zu viele Gelder, die als Budgets für künstlerische Gestaltungen bestimmt waren, für eigentliche Umgebungsarbeiten verwendet werden. Durch die frühzeitige Kenntnis von Standorten schwerer Objekte kann viel Geld für später notwendige Fundationen und Änderungen gespart werden.

Es sei in diesem Zusammenhang auf zwei in Biel realisierte oder in Realisation begriffene Beispiele von «Kunst im öffentlichen Raum» hingewiesen, die einen wichtigen Bestandteil der 6. Schweizer Plastikausstellung darstellen.

Maurice Ziegler