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SPA Geschichte / 1970 /

Einführung

Justus Imfeld


Zum fünften Mal ist in Biel die vierjährliche Übersicht über die Schweizer Skulptur entstanden, seit 16 Jahren nun können wir dem faszinierenden Vorgang zusehen, wie eine Kunstgattung fortwährend wächst, sich wandelt, Altes begräbt und Neues schafft, wie sie unermüdlich geheimnisvolles Leben in starre Materie haucht und diese in unerwartete Spannungen und überraschende Beziehungen versetzt.

Längst wissen wir, daß es keine spezifisch «Schweizerische» Plastik gibt und daß die Kunst keine nationalen Grenzen kennt, daß unsere Kunst mitten im Herzen der alten Kulturwelt ständig im Austausch ist mit der Umwelt, daß große Ströme des Weltgeschehens sie beeinflussen und daß sie selbst wiederum befruchtend auf die Umwelt einwirkt, und mit staunenden Augen sehen wir immer erneut diesem Abenteuer der werdenden Kunst zu, die unablässig neue Wege findet und immer gerade dort einsetzt, wo man es am wenigsten vermutet hätte.

Längst ist der Begriff des «Bildhauers» überholt, es werden keine Bilder mehr gehauen, denn auch die Technik dieser Kunst hat sich der Zeit angepaßt: es wird gelötet, geschweißt, genietet und geklebt, es wird geschraubt, gesägt, gebohrt und mit Preßluft gehämmert, es wird oxydiert und immer mehr auch gespritzt und gemalt, in Stein, in Metall, in Holz und Glas und in allen Sorten geheimnisvoller Kunststoffe; es gibt keine Materie und keine Form, keine Oberfläche und keine Farbe, die zu ausgefallen wäre, um nicht als Kunstwerk zu taugen.

Je schwerer die Zeiten sind, je bedrohlicher die Weltlage erscheint, desto lebendiger und fruchtbarer scheint die Kunst geworden zu sein, und man geht nicht fehl, beides in Zusammenhang zu bringen: je vollständiger die Menschen ihre eigene Zerstörung planen, desto intensiver sind die Künstler am Werk, eine neue und bessere Welt aus eigenen Kräften zu schöpfen.

100 Künstler mit 200 Werken von 140 Tonnen Gesamtgewicht hat Marcel Joray, der unermüdliche und erfindungsreiche Gründer und künstlerische Leiter dieser Ausstellung wieder in der Schweiz für Biel gesammelt, zwei Charakteristika verbinden sie: sie sind von Schweizern oder jedenfalls in der Schweiz geschaffen worden, und ihre Entstehungszeit sind die letzten vier Jahre. Unter den Künstlern finden wir alte Bekannte, denen «Biel» ein Anliegen geworden ist, und daneben immer wieder Junge,
Unbekannte, denen die besondere Sorge Marcel Jorays gilt, haben sie doch hier oft zum ersten Mal Gelegenheit, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren und mit den Arrivierten in Wettstreit zu geraten.

Es mag nicht alles «gefällig» sein, was gezeigt wird, auch die Welt, die es neu zu schöpfen gilt, ist es nicht; nicht jeder neue Weg, der hier gepfadet wird, mag an ein Ziel führen; um so spannender ist das künstlerische Abenteuer, an der Suche mitzuhelfen, zu der jeder Betrachter eingeladen ist.

Wiederum haben die Eidgenossenschaft, der Kanton Bern und besonders die Stadt Biel tatkräftig mitgeholfen, damit das Werk zustande kam. Ihnen, und all den vielen Helfern, die zum Gelingen beitrugen, gehört unser Dank.
Justus Imfeld